Wann bin eigentlich ich dran?

Veröffentlicht am 12. Juni 2026 um 20:12

Gerade habe ich ein paar freie Tage.

Heute, das Wochenende und den Montag.

Eigentlich sollte ich mich darüber freuen. Schließlich sind freie Tage etwas Schönes. Zeit zum Durchatmen. Zeit für Dinge, die im Alltag oft zu kurz kommen.

Doch wenn ich mich in meinem Zuhause umschaue, sehe ich zunächst etwas anderes:

Das Bad gehört geputzt.

Die Fenster wären längst fällig.

Die Küche könnte Aufmerksamkeit gebrauchen.

Einkaufen muss ich auch noch gehen.

Und irgendwo warten noch Gartenarbeit, Wäsche und all die kleinen Dinge, die sich im Alltag ansammeln.

Heute wurde mir bewusst, dass genau darin ein Problem liegt.

Denn wenn ich alles machen würde, was zu tun wäre, dann wären diese vier freien Tage vorbei, ohne dass ich auch nur eine Minute das gemacht hätte, was ich eigentlich liebe.

Diesen Satz sagte ich heute zu meinem Mann.

Und plötzlich wurde es ganz still in mir.

Weil mir klar wurde, dass es gar nicht nur um diese vier Tage geht.

Es geht um eine viel größere Frage:

Wann bin eigentlich ich dran?

Viele von uns kennen dieses Gefühl.

Wir kümmern uns um unsere Arbeit.

Um unsere Familie.

Um unsere Tiere.

Um unser Zuhause.

Um Termine, Verpflichtungen und all die Dinge, die erledigt werden müssen.

Und oft machen wir das sogar gerne.

Auch ich liebe unser Zuhause.

Ich liebe unseren Garten.

Ich liebe die Ruhe.

Ich liebe mein eigenes Büro.

Ich liebe den Platz, den wir uns geschaffen haben.

Und trotzdem spüre ich manchmal, wie viel Zeit und Energie all diese Dinge benötigen.

Vor Kurzem sagte ich sogar einen geplanten Urlaub ab.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht.

In den Wochen davor hatte ich immer wieder gespürt, dass mich die gesamte Situation mehr Kraft kostete, als sie mir schenkte.

Gleichzeitig kämpfte ich noch mit den Folgen meiner Gehirnerschütterung und merkte, dass mein Körper nach Ruhe verlangte.

Lange versuchte ich, dieses Gefühl zu ignorieren.

Schließlich war alles geplant und ich wollte niemanden enttäuschen.

Die bekannten Gedanken waren sofort da:

„Du kannst das jetzt nicht absagen.“

„Was werden die anderen denken?“

„Wir haben doch alles schon organisiert.“

„Das ist unfair.“

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich mich selbst übergehen würde, wenn ich nicht auf dieses Gefühl hörte.

Eines Abends stand ich am Bügelbrett und bügelte ausgerechnet ein T-Shirt zu meinem Buch.

Darauf stand:

Sei freundlich. Sei mutig. Sei du selbst.

Ich musste schmunzeln.

Denn plötzlich wurde mir klar:

Es reicht nicht, diese Worte zu schreiben.

Ich muss auch danach leben.

Also fragte ich mich:

Was würde das jetzt bedeuten?

Sei mutig.

Sage ab.

Sei freundlich.

Erkläre deine Entscheidung respektvoll und übernimm deinen Teil, damit niemand einen Nachteil hat.

Sei du selbst.

Stehe zu dem, was du fühlst.

Auch dann, wenn es anderen vielleicht nicht gefällt.

Also sagte ich ab.

Und obwohl ich zunächst ein schlechtes Gewissen hatte, spürte ich gleichzeitig etwas anderes:

Erleichterung.

Danach entstand ein neuer Wunsch.

Ich wollte einfach einmal weg.

Nur Max und ich.

Eine kleine Hütte in den Bergen.

Natur.

Ruhe.

Zeit zum Schreiben.

Zeit zum Nachdenken.

Zeit, um mich wieder mehr zu spüren.

Ich suchte stundenlang.

Doch jede Hütte, die sich richtig anfühlte, war schlicht zu teuer.

Also blieb ich zuhause.

Und genau dort begann die eigentliche Erkenntnis.

Vielleicht suchte ich gar nicht nach einer Hütte.

Vielleicht suchte ich nach etwas ganz anderem.

Nach Ruhe.

Nach Klarheit.

Nach Kreativität.

Nach Zeit für mich.

Die Hütte war nur das Symbol dafür.

Denn tief in mir glaubte ich offenbar, dass ich erst wegfahren müsste, um mir diese Dinge erlauben zu dürfen.

Dabei stellte sich plötzlich eine ganz andere Frage:

Warum fällt es mir so schwer, mir diese Zeit auch zuhause zu erlauben?

Warum dürfen Haushalt, Garten, Arbeit und Verpflichtungen selbstverständlich ihren Platz haben?

Und warum muss meine Berufung immer warten, bis alles andere erledigt ist?

Vielleicht kennen viele Menschen genau dieses Gefühl.

Man kümmert sich um alles und jeden.

Und irgendwann bleibt eine leise Frage zurück:

Wann bin eigentlich ich dran?

Nicht aus Egoismus.

Nicht aus Bequemlichkeit.

Sondern weil auch unsere Träume Aufmerksamkeit brauchen.

Weil auch unsere Seele genährt werden möchte.

Weil es irgendwann nicht mehr reicht, nur zu funktionieren.

Heute habe ich deshalb eine Entscheidung getroffen.

Das Bad wurde geputzt.

Einkaufen war ich auch.

Dazwischen habe ich meditiert.

Und jetzt erlaube ich mir, den Rest für heute gut sein zu lassen.

Vielleicht werden die Fenster dieses Wochenende noch geputzt.

Vielleicht auch nicht.

Vielleicht komme ich zur Küche.

Vielleicht auch nicht.

Aber ich möchte mir Zeit für die Dinge nehmen, die mein Herz erfüllen.

Für das Schreiben.

Für meine Tierkommunikation.

Für meine Träume.

Denn mir wurde heute etwas Wichtiges bewusst:

Das Leben wird niemals fertig sein.

Es wird immer etwas geben, das noch erledigt werden könnte.

Die Frage ist nur:

Warte ich darauf, bis alles getan ist?

Oder beginne ich endlich damit, auch mir selbst einen Platz in meinem Leben zu geben?

Manchmal suchen wir an fernen Orten nach etwas, das wir uns zuhause nicht erlauben.

Ruhe.

Kreativität.

Erholung.

Zeit für uns selbst.

Doch nicht immer brauchen wir einen anderen Ort.

Manchmal brauchen wir nur den Mut, unseren eigenen Bedürfnissen genauso viel Raum zu geben wie all den Dingen, die ständig nach unserer Aufmerksamkeit verlangen.

Denn unsere Träume sollten nicht immer als Letztes an der Reihe sein.

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