Was Hunde uns über uns selbst zeigen können

Veröffentlicht am 1. Juni 2026 um 19:20

Vor kurzem nahm ich an einem Workshop zum Thema Spiegelungen teil. Dabei ging es um eine spannende Frage:

Warum berühren uns manche Verhaltensweisen unserer Tiere so stark – und andere überhaupt nicht?

In der Arbeit mit Mensch und Tier begegnen mir immer wieder drei Begriffe:

Resonanz

Eine unmittelbare Reaktion auf etwas, das uns im Moment berührt.

Übertragung

Ein Thema, das über einen längeren Zeitraum zwischen Mensch und Tier mitgetragen wird.

Spiegelung

Ein Verhalten des Tieres, das uns auf ein eigenes, oft unbewusstes Thema aufmerksam macht.

Besonders spannend wurde es für mich, als wir uns mit Situationen beschäftigen sollten, die uns aktuell am meisten herausfordern.

Bei mir war die Antwort sofort klar:

Das Aggressionsthema bei meinem Hund Max.

Während der Übung tauchten viele Gefühle auf:

  • Angst
  • Verzweiflung
  • Wut
  • Scham
  • Versagensangst

Doch als wir tiefer gingen und nach dem eigentlichen Ursprung suchten, wurde plötzlich etwas sichtbar.

Hinter all diesen Gefühlen lag ein einziges Thema:

Hilflosigkeit

Mir wurde bewusst, dass dieses Gefühl viel älter war als mein Hund.

Schon als Kind fühlte ich mich oft hilflos, wenn Konflikte oder Spannungen im Raum standen. Wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertrafen und die Stimmung kippte, wusste ich oft nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Damals entstand unbewusst eine Strategie:

Ich zog mich zurück.

Ich versuchte, Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Ich suchte nach Harmonie.

Als ich diese Erkenntnis hatte, wurde mir noch etwas bewusst.

Viele Jahre lang bestand meine Strategie im Umgang mit Aggression darin, ihr auszuweichen.

Wenn Menschen laut wurden oder Konflikte eskalierten, zog ich mich zurück.

Im Berufsleben stand ich manchmal sogar auf und verließ den Raum, wenn die Stimmung zu angespannt wurde.

Das war mein Weg, mich zu schützen.

Mit Max funktionierte diese Strategie plötzlich nicht mehr.

Vor seinem Verhalten konnte ich nicht einfach davonlaufen.

Ich musste bleiben.

Ich musste lernen, Situationen auszuhalten, die in mir Angst und Hilflosigkeit auslösten.

Gerade zu Beginn war das unglaublich herausfordernd.

Oft war ich überfordert, erstarrte innerlich oder musste meinen Mann um Unterstützung bitten.

Doch mit der Zeit begann sich etwas zu verändern.

Nicht Max veränderte sich zuerst.

Sondern ich.

Ich lernte, stehen zu bleiben.

Ich lernte, Grenzen zu setzen.

Ich lernte, meiner Angst nicht mehr auszuweichen.

Und genau dadurch verlor sie nach und nach ihre Macht über mich.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf sein Verhalten verändert.

Plötzlich ging es nicht mehr nur um die Frage:

"Wie bekomme ich das Verhalten meines Hundes in den Griff?"

Sondern auch um die Frage:

"Was möchte mir diese Situation über mich selbst zeigen?"

Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten eines Hundes automatisch eine Spiegelung ist.

Nicht jede Aggression.

Nicht jedes Bellen.

Nicht jede Unsicherheit.

Aber manchmal berühren uns bestimmte Themen besonders stark, weil sie etwas in uns ansprechen, das schon lange da ist.

Genau deshalb können unsere Tiere oft zu wertvollen Lehrern werden.

Sie zeigen uns nicht nur, wer sie sind.

Manchmal zeigen sie uns auch, wer wir selbst sind.

Rückblickend glaube ich, dass genau darin eines der größten Geschenke lag, die Max mir gemacht hat.

Nicht weil diese Situationen angenehm waren.

Sondern weil sie mich dazu eingeladen haben, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das ich viele Jahre vermieden hatte.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Möglichkeiten, wie Tiere uns begleiten können.

Nicht indem sie uns immer nur die leichten Wege zeigen.

Sondern indem sie uns helfen, an den schwierigen zu wachsen.

Denn manchmal sind unsere Tiere nicht nur unsere Begleiter.

Manchmal sind sie unsere größten Lehrer.

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