Kurze Zeit nachdem Max bei uns eingezogen war, hatte ich Angst vor meinem eigenen Hund.
Ich, die mit Tieren und Hunden aufgewachsen war. Ich, die bereits mehrere Hunde gehabt, Hundekurse besucht und geglaubt hatte, mich mit Hunden auszukennen. Und ich, die ihrem Mann voller Überzeugung gesagt hatte:
„Ich kümmere mich um die Erziehung. Das wird alles wunderbar.“
Stattdessen fühlte ich mich überfordert, hilflos und wie eine Versagerin.
Der Hund, den ich mir vorgestellt hatte
Bevor Max bei uns einzog, hatte ich ein ganz bestimmtes Bild in meinem Kopf.
Ich stellte mir einen Hund vor, der uns überallhin begleitet. Einen Hund, mit dem wir wandern gehen, verreisen und Hotels besuchen können. Einen Hund, der einfach dabei ist, zur Ruhe kommt und unser gemeinsames Leben bereichert.
Der Vater von Max war so ein Hund. Als ich ihn kennenlernte, war er allerdings bereits sieben Jahre alt – ruhig, gelassen und mitten im Leben angekommen. Damals war mir nicht wirklich bewusst, wie wenig sich ein erwachsener Hund mit einem jungen Hund vergleichen lässt, der erst lernen muss, mit sich und seiner Umwelt zurechtzukommen.
In meiner Vorstellung schien trotzdem alles klar zu sein: Wir holen Max zu uns, ich übernehme seine Erziehung und dann entsteht genau das Leben, das ich mir ausgemalt hatte.
Doch es kam anders.
Plötzlich war nichts mehr so, wie ich es erwartet hatte
Max zeigte bereits als Welpe Verhaltensweisen, die ich von meinen früheren Hunden in dieser Intensität nicht kannte. Besonders schwierig waren Situationen rund um Futter und Ressourcen. Auch sein starkes Verteidigungsverhalten und seine heftigen Reaktionen überforderten mich vollkommen.
Es gab Situationen, in denen ich mich nicht mehr sicher fühlte. In einer dieser Situationen verletzte mich Max so, dass ich ärztlich behandelt werden musste. Später kam es noch einmal zu einem Vorfall, bei dem ich verletzt wurde.
Ich schreibe das nicht, um Max als bösen oder gefährlichen Hund darzustellen. Und ich möchte auch keine einzelnen Situationen öffentlich bis ins Detail erzählen. Aber wenn ich meinen Weg ehrlich beschreiben möchte, darf ich diesen Teil nicht vollständig auslassen.
Meine Angst war real.
Genauso real war aber auch die andere Seite von Max.
Im Wald war er ein wunderbarer Begleiter. Sein Rückruf funktionierte hervorragend. Er konnte liebevoll, verschmust, lustig und unglaublich anhänglich sein. Ich sage bis heute manchmal:
Max besteht zu 90 Prozent aus einem Engel – aber seine zehn Prozent Teufel haben es wirklich in sich.
Genau dieser Gegensatz war für mich so schwer zu verstehen. Wie konnte dieser liebevolle, besondere Hund in manchen Momenten so heftig reagieren?
Ich erstarrte – und machte mir selbst Vorwürfe
Wenn Max eskalierte, konnte ich nicht ruhig und souverän handeln. Ich erstarrte innerlich, fiel regelrecht in mir zusammen und wurde von meinen eigenen Gedanken überrollt.
Warum schaffe ich das nicht?
Was mache ich falsch?
Wie kann es sein, dass ich mit Hunden aufgewachsen bin und mich jetzt vor meinem eigenen Hund fürchte?
Besonders belastend war mein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Mann. Ich hatte ihm versprochen, mich um die Erziehung zu kümmern. Ich hatte gesagt, dass alles wunderbar werden würde. Und nun musste er immer wieder eingreifen, wenn Situationen außer Kontrolle gerieten.
In meinem Kopf wurde daraus nicht einfach ein schwieriger Start mit einem jungen Hund. Es wurde zu meinem persönlichen Versagen.
Ich dachte: Ich habe uns das angetan.
Heute weiß ich, wie gnadenlos ich damals mit mir selbst war. Ich war nicht gleichgültig und ich wollte auch nichts verdrängen. Ich gab alles, suchte nach Lösungen und liebte diesen Hund von ganzem Herzen. Trotzdem wertete ich jede schwierige Situation als Beweis dafür, dass ich nicht gut genug war.
Früh Hilfe anzunehmen war kein Scheitern
Nach ungefähr einem Monat kontaktierte ich eine Hundetrainerin. Mir war klar, dass ich mit dieser Situation nicht allein weiterkam.
Das einzugestehen, war zunächst schwer. Ich hatte schließlich Erfahrung mit Hunden. Ich war überzeugt gewesen, seine Erziehung selbst übernehmen zu können. Doch rückblickend war es eine der wichtigsten Entscheidungen auf unserem Weg.
Wir probierten unterschiedliche Ansätze aus, lernten viel und versuchten herauszufinden, was Max brauchte und wie wir schwierige Situationen sicherer gestalten konnten.
Irgendwann kam auch der Maulkorb dazu.
Am Anfang fühlte sich selbst das für mich wie ein sichtbares Zeichen meines vermeintlichen Scheiterns an. Ich spürte die Blicke anderer Menschen und stellte mir vor, was sie über Max und über mich denken könnten.
Heute sehe ich es anders.
Ein gut aufgebauter Maulkorb ist keine Strafe und kein Grund, sich zu schämen. Er kann Sicherheit schaffen und ist ein Ausdruck von Verantwortung. Verantwortung zu übernehmen bedeutete für mich nicht, Max aufzugeben. Es bedeutete, ihn, mich und andere zu schützen, während wir weiter an unseren Themen arbeiteten.
Wenn auch das Umfeld Angst bekommt
Nicht nur ich war verunsichert. Auch meine Familie machte sich Sorgen – besonders meine Mama. Sie hatte Angst, dass uns irgendwann etwas passieren könnte, und riet mir, darüber nachzudenken, Max wieder abzugeben.
Für mich war allein dieser Gedanke eine Horrorvorstellung.
Ich verstand ihre Sorge. Gleichzeitig spürte ich tief in mir, dass hinter diesen heftigen Reaktionen kein durch und durch „böser Hund“ steckte. Da war ein sensibles Wesen mit Themen, Bedürfnissen und Verhaltensmustern, die ich noch nicht verstand.
Ich wollte Gefahren nicht schönreden. Aber ich wollte Max auch nicht auf seine schwierigsten Momente reduzieren.
Zwischen diesen beiden Seiten meinen Weg zu finden, war unglaublich anstrengend: Verantwortung übernehmen und trotzdem die Verbindung bewahren. Grenzen setzen und dennoch mitfühlend bleiben. Die Sorgen anderer ernst nehmen, ohne meine eigene Wahrnehmung vollkommen zu verlieren.
Meine Erwartungen gehörten ebenfalls zu unserem Weg
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass nicht nur Max seine Themen mitbrachte. Auch ich kam mit Vorstellungen, Ängsten und Erwartungen in unsere Beziehung.
Ich hatte ein fertiges Bild davon, wie unser gemeinsames Leben aussehen sollte. Max sollte überall dabei sein, sich gut benehmen, zur Ruhe kommen und in unser Leben passen. Ich wollte beweisen, dass ich alles im Griff hatte – auch gegenüber meinem Mann und gegenüber mir selbst.
Doch Max hielt sich nicht an mein inneres Drehbuch.
Ich musste mich fragen:
Woher kommt meine Angst?
Warum empfinde ich jede schwierige Situation sofort als Katastrophe?
Warum glaube ich, dass ich versagt habe, wenn mein Hund nicht meiner Vorstellung entspricht?
Welche Erwartungen lege ich auf ihn?
Und was gehört tatsächlich zu Max – und was bringe ich selbst in unser gemeinsames System mit?
Das bedeutete nicht, dass ich an seinem Verhalten schuld war. Es bedeutete auch nicht, dass man ernsthafte Reaktionen allein durch positives Denken verändern kann.
Es bedeutete, dass wir beide Teil dieser Beziehung waren. Und dass ich dort, wo meine eigenen Ängste, mein Perfektionismus und meine Schuldgefühle wirkten, etwas verändern konnte.
Warum ich zur Tierkommunikation kam
Mein Wunsch, Max tiefer zu verstehen, führte mich schließlich auch zur Tierkommunikation.
Ich wollte nicht nur wissen: „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“ Ich wollte verstehen, wie Max Situationen erlebt, was in ihm vorgeht und was er möglicherweise braucht.
Tierkommunikation war für mich dabei nie ein Ersatz für Training, Sicherheitsmaßnahmen oder notwendige tierärztliche Abklärungen. Sie eröffnete mir eine zusätzliche Perspektive.
Später kam die Tierenergetik hinzu. Auch sie sollte nichts erzwingen oder ein ernstes Problem einfach „wegmachen“. Sie gab mir eine weitere Möglichkeit, Spannungen wahrzunehmen und Max auf einer sanften Ebene zu begleiten.
Das Mentaltraining half wiederum mir selbst.
Ich lernte, meine Gedanken nicht automatisch für Tatsachen zu halten. Ich begann zu erkennen, welche inneren Filme bereits vor einer schwierigen Situation in mir abliefen. Ich arbeitete an meinen Ängsten, an meinem Perfektionismus und an der Vorstellung, immer alles richtig machen zu müssen.
Nach und nach verstand ich, wie eng die verschiedenen Ebenen zusammenwirkten: das Verhalten des Tieres, seine Erfahrungen und Bedürfnisse, meine eigenen Gedanken und Gefühle, unsere Körpersprache, die Stimmung im Umfeld und die Dynamik zwischen uns.
Heute ist nicht alles perfekt – aber vieles ist anders
Auch heute gibt es bei Max gelegentlich Situationen, die schwierig sind.
Der Unterschied ist, dass sie mich nicht mehr jedes Mal vollkommen aus der Bahn werfen. Früher war beinahe jeder Vorfall ein Weltuntergang. Ich rief verzweifelt meine Hundetrainerin an, war mit den Nerven am Ende und suchte die Schuld sofort bei mir.
Heute kann ich eher innehalten.
Ich kann überlegen, was passiert ist, ohne mich dabei sofort vollständig zu verurteilen. Ich kann früher reagieren, Verantwortung übernehmen und akzeptieren, dass ein herausfordernder Moment nicht unseren gesamten gemeinsamen Weg infrage stellt.
Natürlich frage ich mich manchmal noch: Warum ist das passiert? Was hätte ich anders machen können?
Aber diese Fragen fühlen sich heute anders an. Sie kommen nicht mehr immer aus völliger Verzweiflung, sondern zunehmend aus dem Wunsch, weiter zu verstehen und zu lernen.
Unser Erfolg besteht nicht darin, dass Max heute in jeder Situation perfekt „funktioniert“.
Unser Erfolg besteht darin, dass ich ihn klarer sehe. Dass ich auch mich selbst besser verstehe. Und dass eine schwierige Situation nicht mehr automatisch bedeutet, dass alles verloren ist.
Warum ich heute Menschen und Tiere ganzheitlich begleite
Dieser Weg mit Max ist einer der wichtigsten Gründe dafür, warum ich heute als Tierkommunikatorin, Tierenergetikerin und Mentaltrainerin arbeite.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, sein Tier über alles zu lieben und gleichzeitig mit einer Situation vollkommen überfordert zu sein.
Ich weiß, wie weh die Blicke und Bewertungen anderer Menschen tun können. Wie belastend es ist, wenn die eigene Familie aus Sorge zur Abgabe rät. Wie einsam man sich fühlt, wenn man alles versucht und trotzdem keine schnelle Lösung findet.
Und ich weiß, wie leicht man beginnt, sich selbst die Schuld zu geben.
Deshalb möchte ich Menschen nicht von außen erklären, was sie alles falsch machen. Ich möchte einen Raum öffnen, in dem sowohl die Perspektive des Tieres als auch die innere Welt des Menschen Platz haben.
Je nach Situation kann es wichtig sein, eine Tierärztin, einen Tierarzt oder qualifizierte Unterstützung im Verhaltenstraining hinzuzuziehen. Ganzheitlich zu begleiten bedeutet für mich nicht, alles allein durch Tierkommunikation oder Energetik lösen zu wollen. Es bedeutet, verantwortungsvoll hinzusehen und unterschiedliche Ebenen miteinander zu verbinden.
Tierkommunikation kann helfen, die Perspektive des Tieres bewusster wahrzunehmen.
Tierenergetik kann das Mensch-Tier-System sanft unterstützen.
Mentaltraining kann dem Menschen helfen, mit Ängsten, Schuldgefühlen, Erwartungen und belastenden Gedanken anders umzugehen.
Denn manchmal braucht nicht nur das Tier Unterstützung. Manchmal braucht auch der Mensch jemanden, der sagt:
Ich sehe, wie sehr du dich bemühst. Ich sehe, wie sehr du dein Tier liebst. Und ich weiß, dass ein schwieriger gemeinsamer Weg nicht bedeutet, dass du versagt hast.
Max war nicht der Hund, den ich mir vorgestellt hatte
Max wurde nicht der unkomplizierte Hund, den ich mir vor seinem Einzug ausgemalt hatte.
Er wurde mein größter Lehrmeister.
Er zwang mich dazu, meine Erwartungen loszulassen, genauer hinzusehen und mich mit meinen eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Er zeigte mir meine Grenzen, meinen Perfektionismus und meine Neigung, mich für alles verantwortlich zu fühlen.
Unser Weg war nicht leicht. Manches war sogar unglaublich schwer.
Aber Max hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Ohne ihn wäre ich vermutlich nicht zur Tierkommunikation gekommen. Ich hätte die Tierenergetik vielleicht nie erlernt und würde heute nicht davon träumen, Menschen und ihre Tiere auf ihrem eigenen Weg zu begleiten.
Ich hätte mir viele unserer Erfahrungen nicht freiwillig ausgesucht.
Und trotzdem möchte ich keinen Tag mit ihm missen.
Denn manchmal kommt ein Tier nicht in unser Leben, um unsere Vorstellungen zu erfüllen.
Manchmal kommt es, um uns zu zeigen, wer wir werden können.
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